Stelle dir vor, dass du pleite bist. Du hast kein Geld in der Tasche und auch nichts mehr auf dem Konto. Jetzt geht dein Computer kaputt. Da in deinem Portemonnaie nur triste Leere herrscht, nimmst du einen Kredit über 1.000 Euro auf und kaufst dir davon ein neues Notebook. Wie würdest du diesen Vorgang nennen? Schulden machen?
Sondervermögen statt Schulden
In der Politik wird dieser Vorgang als Sondervermögen bezeichnet. Wenn dringend Geld für einen bestimmten Zweck benötigt wird und der normale Haushalt damit nicht belastet werden soll, wird einfach ein sogenannter Nebenhaushalt erstellt. Dieser wird mit Schulden finanziert. Damit werden dann Panzer gekauft (Sondervermögen Bundeswehr: 100 Milliarden Euro) oder bspw. die Aufwendungen für Digitalisierung und den Klimaschutz bezahlt (Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität: 500 Milliarden Euro).
Wahl zum Unwort des Jahres
Das Wort Sondervermögen wurde zum Unwort des Jahres 2025 gekürt. Es handelt sich dabei um einen Euphemismus, also um eine Wortverschleierung. Anstatt den Vorgang des Schuldenmachens beim Namen zu nennen, wird er beschönigt und als Sondervermögen verklärt.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wurde das Wort Sondervermögen zurecht zum Unwort des Jahres 2025 gekürt? Einerseits ja, denn es spielte im vergangenen Jahr eine wichtige Rolle in der politischen Debatte.
Andererseits gab es meiner Meinung nach auch bessere Kandidaten. Die Wahl zum Unwort des Jahres basiert auf Einsendungen von Bürgern. 582 Einsender, das waren mehr als 20 %, schlugen das Wort Friedensangst vor. Das Wort bezeichnete die Angst vor fallenden Börsenkursen von Aktien von Rüstungsfirmen, falls es zu einem Waffenstillstand in der Ukraine kommen würde.
Ein geeigneter Kandidat wäre auch Umsiedlung gewesen. So umschrieben amerikanische und israelische Politiker ihren Vorschlag, die Bevölkerung des Gaza-Streifens in andere Länder zu vertreiben.
Auch das von Friedrich Merz ins Gespräch gebrachte Stadtbild wäre ein würdiges Unwort des Jahres gewesen.
Insgesamt muss ich der Jury doch eine gewisse Mutlosigkeit vorwerfen. Es wurde ein Euphemismus gewählt, der schon seit den 1950ern gebräuchlich ist. Die anderen von mir genannten Kandidaten drückten dagegen jeweils eine Form von Menschenverachtung aus und hätten sich damit besser als Unwörter geeignet.
Wie auch immer. Eins steht leider fest. Auch in diesem Jahr wird es wieder menschenverachtende und euphemistische Wörter geben, die gute Chancen haben, zum Unwort des Jahres 2026 gewählt zu werden.
Bildquelle: Das Bild wurde mit dem KI-Generator Perplexity.ai erstellt.

Auch ich hätte als Unwort des Jahres einen der von dir vorgeschlagenen „Kandidaten“ wesentlich passender gefunden.
Gruß
Fred